Schwarzwald – kleine Schweiz, große Gastlich- und Nachhaltigkeit

Wandern durchs Wunderland

Ich gestehe: ich bin 62, bin geboren in Westdeutschland – und war noch nie
im Schwarzwald.
O.k. öfters gestreift, wenn ich nach Basel, in die Vogesen oder durchs Rheintal fuhr. Aber bewusst
Halt gemacht: Nie! Warum? Keine Ahnung.
Wenn man wie ich zunächst in Fürth/Nürnberg aufwächst, ist das naheliegende: das Fichtelgebirge.
Wenn man dann 17 Jahre in München wohnt: natürlich die Alpen.

Aber erst jetzt, auf der anstrengend, aufregenden Wanderung rund um den Rinken(*) fällt mir ein und auf: In meiner Jugend, wo das Geld sehr knapp war, war der Schwarzwald „einfach zu teuer“. Weit weg (Fahrtkosten) und ? ja wie auch immer. Meine Mutter sagte uns: „der ist zu teuer!“

Von Margot weiß ich heute, dass man als kinderreiche Familie natürlich auch schon vor 40 Jahren im Schwarzwald herrlich und preiswert zelten konnte.
„zu teuer“… So entstehen Vorurteile. (Fast) alle unsere Urteile werden in
unserer Kindheit angelegt und vorgeprägt. Nicht schlimm. Seit Jahrtausenden so. Nur bewusst muss ich es mir immer wieder werden!
Von wegen zu teuer.
Aber vor allem: Herrlich. Das Wetter meint es auch gut mit uns: Noch mal Sonne, noch mal warm. Panoramen, wie von Postkarten, auch Steigungen, Serpentinen, von denen ich dachte, dass ich sie nach Toskana und Alpen nun endlich hinter uns gelassen hätte.

Es macht große Freude an einem weitläufigen Aussichtspunkt (wenn auch mit ziemlichen Kränkungswinkel – wie die Schräge beim Segeln genannt wird) ein leckeres Bauernfrühstück aus Margots Küche bei offenem Panoramafenster zu genießen, auch wenn sie darüber klagte, dass bei solcher einer Schräglage natürlich das Rührei sich nur in einer Ecke der Pfanne staut…

Im Internet finden wir die Seite der Gemeinde Baiersbronn, die einen gut ausgerüsteten Wohnmobilstellplatz anpreist, das soll unser Ziel sein.
Und: übertrifft all unsere Erwartungen und Erfahrungen. 6 Euro die Nacht (wobei darin eingeschlossen die Kurtaxe UND freie Fahrt im gesamten ÖPNV im Schwarzwald sind) und Stromanschluss für 50 Cent die KW/h und freie Abwasserentsorgung.

Im Murgtal, direkt an der Murg stehen wir, hören das Rauschen des Bachs und sehen die 5 bis 10 Mobile hinter uns gar nicht, beim Essen, Lesen oder Kartenspielen.
Als Erstes: Roller „ausgepackt“ und erste Erkundungsfahrten in die Umgebung und auch nach Freudenstadt. O.k. bei 200 kg Lebendgewicht tut er sich ein wenig schwer in manchen Steigungen, aber schafft alles und wir tauchen ein in eine Wunderwelt des Tourismus-Marketing.
Als nach der ersten Nacht der Platzwart kassiert, übergibt er uns gleichzeitig eine Fülle von übersichtlich und pfiffig aufgemachten Drucksachen für Besucher.
Da gibt’s die kostenlose Wanderkarte mit Kurzbeschreibungen, das dicke Monatsheft mit gefühlten über 100(!) Veranstaltungen hier und den beiden angrenzenden Gemeinden, thematisch, alphabetisch und chronologisch sortiert.

Sehr vieles kostenlos, vorbildlich vernetzt, Vereine, Kirchengemeinden, Bürger-initiativen und Schulen und Volkshochschulen.
Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Wer sich – wie wir – in zwei Brandenburger Gemeinden mit Tourismus-Konzepten auseinandergesetzt hat, der müsste als Pflichtprogramm ein Hospitieren hier in Baiersbronn verschrieben bekommen.
Der Gast ist wirklich König, an alles ist gedacht, hervorragende Wege-Markierungen, im ganzen Ort und der Umgebung immer wieder Lagepläne mit viel Infos und Hinweisen.
Wir fühlen uns willkommen und umsorgt. Und das in wildfremder Umgebung.
Natürlich wollen wir nicht vergessen, dass die Natur den hiesigen Bewohner_Innen einen unbezahlbaren Standtortvorteil schenkte. Dennoch: Die Fremdenfreundlichkeit, die Gepflegtheit, das Selbstbewusstsein -überhaupt die ganze Stimmung, all das scheint von einem anderen Planeten zu sein, wenn wir es mit Fremden-Rassismus in Prenzlauer Berg oder den Vernetzungs-Hemmungen von Gemeinden und Vereinen in Wandlitz vergleichen.
Nein, hier sind es nicht Schwaben, das Hassobjekt so vieler Ost-Berliner Grafitti-Sprayer, hier sind es Badenser (die man in Berlin von der Buswerbung kennt).
Aber es macht wirklich Freude solch ein Gemeinwesen zu er-leben.

Direkt an unserem Wohnmobilstellplatz lädt eine Schautafel zu einem
„Energielehrpfad“ ein:


Hier sieht mensch, was an Transformation und Dezentralisierung an Regionalisierung möglich UND schon Realität ist:
Die Evangelische Kirche: natürlich ist das Dach mit Sonnenkollektoren bedeckt: Strom, Wasser, Gas? Natürlich wieder in Stadtwerken rekommunalisiert. An drei verschiedenen Orten wird die Murg gestaut und zur Energierzeugung verwendet, auf dem Lehrpfad erfährt der Zukunfts-Wanderer davon, dass die Mühle Gaiser, wie das Sägewerk Hassler ihre Energie aus dem Fluss beziehen. Dass die Schule mit Photovoltaik ausgerüstet und die Flaschnerei Züfle Solarthermik nutzt. Nicht zu vergessen die Familie Haist, die ganz was Neues haben, nämlich Photovoltaik-Dachziegel.
4,5 km Wandern im Energie-Wunderland, hier und heute.
Ich erinnere mich, wie ich mich gestern darüber erboste, dass eine Zeitschrift, die oft so kluge Artikel druckt, wie die LuXemburg, ihr neuestes Heft überschrieb mit der ängstlichen Tautologie-Frage:

Was ist sozialistisch am grüne Sozialismus?
Einem facebook-Freund, der seinen 25. Geburtstag zu einem großen
Zukunfts-Visions-Workshop umfunktionierte, sandte ich darauf meinen Kommentar:

Niemals würde ich als linker Christ auf die Idee kommen, Atheisten das Erlebnis meiner Gläubigkeit nahebringen zu können, mit der Frage: Wie christlich ist Christus?
Welch eine Angst bewegt hier die Lordsiegelbewahrer, dass ihr goldenes Kalb SOZIALISMUS nicht mehr angebetet würde. Dass sie nicht fragen, wie kommen wir zu einer gerechten und nachhaltigen Welt, sondern vor allem: stimmt denn das dann noch mit unseren alten Glaubenssymbolen überein?
Hier in Baiersbronn wehen keine roten Fahren, kämpfen keine Gewerkschafter für Arbeitsplätze in der Rüstungs- oder Atomindustrie und ich las keine Plakat mit der Aufschrift: „Nur meine Partei, ist die einzige, die Euer Wohl im Auge hat!“
Hier wird gemacht, hier verändert sich die Gesellschaft, weil die Menschen sich verändern.
Sicher gibt’s hier noch Ungerechtigkeit, Selbstgerechtigkeit, Ausländerhass, Streit, Parteienegoismus im Stadtrat (obwohl kein Land in Deutschland schon so viele Gemeinde hat, in der die FREIEN WÄHLER die Mehrheit stellen – was auch immer diese dann denken oder handeln, wie Baden-Würtemberg).
Sicher ist hier noch kein Paradies.
Aber die Menschen sind stolz auf ihr Dorf, aufs Ländle, sie leben froh und gern.
Mit diesem Eindrücken brechen wir nach drei Tagen auf zu den letzten Stationen der Reise, zu Schwiegermutter, Tochter, und Freundin,

bevor uns Brandenburg wieder hat, wo wir bezeichnenderweise dann unsere erste öffentlich Lesung in Wandlitz vorbereiten zum Titel und Inhalt des Buches: ALTE LIEBE.



(*)Anhang:

Wanderung rund um den Rinkenkopf

Die Nummer eins der vom Touristenverein vorgeschlagenen Wanderungen ist die um den Rinkenkopf.

Zunächst fahren wir mit dem Roller 150 Meter bergauf zum Parkplatz Sommerseite, lassen ihn dort stehen und marschieren los.

Gleich auf den ersten 1000 Metern fast 100 Meter Höhenunterschied. Das bin ich wirklich nicht gewohnt. Ich schnaufe wie eine feuerspeiender Dinosaurier und brauche drei Pausen. Aber bald gewöhnt sich der faule Körper an die neue Bewegung.

Noch tut die Hüfte weh und ich befürchte vergreiste Osteoperose. Aber Paperlapapp – nach weiteren 500 Metern läuft auch sie wie geschmiert.

Alle 200 m Bänke zum Ausruhen. Die Satteleihütte lädt zur Brotzeit, doch wir wollen erst noch weiter. Jetzt gehts eine zeitlang ohne Steigung auf dem Rinkenwall, einem Höhenkamm entlang, bevor es nochmal steil die nächsten 60 Meter hoch geht zum Rinkenkopf.

Hier hat vor über 100 Jhren der Schwarzwaldwanderverein den König-Wilhelm-Turm lassen. Nun längst nicht mehr dem Monarchen zur Ehren, sondern den mobilfunkern zum Nutze, lädt er die letzten 30 meter zum Aufstieg ein.

Der durch den weiten Rundblick belohnt wird.

Bergab gehts zunächst den sehr schmalen und steilen Trampelpfad, bevor es immer seichter wird. Aber die alte Regel bergab ist’s nicht leichter wie bergauf bestätigt sich. Nun gehen wir die letzten 2 km immer am Waldrand entlang und sieh da: werden für unseren Fleiss belohnt:

Ein schier 18 cm grosser Maronenpilz. Auf nur 2 1/2 km haben wir insgesamt 175 m Höhenunterschied überwunden.
Wir sind erschöpft.
Und froh.

 

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