Der Berg ruft! Aber was will er mir sagen? VOM MUT DER AUS DEMUT KOMMT.

Wir bleiben einen Tag länger als geplant in Locarno.
Die Drahtseilbahn lockt uns.
Genauer gesagt: Die Bahnen UND Lifte.
Aus dem Ortskern – gleich in der Nähe des Bootsanlegers klettert die über 100 Jahre alte STANDSEILBAHN auf 600 Meter Höhe. Hier wartet der berühmtestes Wallfahrtsort der Schweiz auf Kranke und Erlösungssuchende in der Wallfahrtskirche Madonna del Sasso. Nein, da wollen wir nicht hin.
Weiter hinauf geht es mit der supermodern designten Luftseilbahn auf den CARDADA mit 1340 Metern. Hier führt der Aussichtspunkt Passerelle in schwindelerregende Höhe über dem Tal. Hier schon haben wir einen herrlichen Blick auf den Lago Maggiore, aber lang können wir hier unsere Schwindelgefühle nicht unterdrücken. höher: Mit dem Sessellift geht es auf den CIMETTA. Nun befinden wir uns 1671 Meter über dem Meer. Und: erleben einen unvergleichlichen Panoramablick über einen Großteil der Schweizer Alpen. Der tiefste Punkt der Schweiz bei Ascona und sein höchster, der Monte Rosa mit über 4000 m sind zu sehen.
 
Tief durchatmen, schauen, schauen, schauen, schauen. Mit den Augen trinken.Nein, Worte müssen hier hohler Pathos bleiben.
Die Berge rufen, sie ziehen uns in ihren Bann. Aber was wollen sie uns sagen. Was ist das für ein Gefühl in dieser Bergwelt, über den Gipfeln.
Nein, klein und ohnmächtig fühle ich mich nicht. Eher ist es ein kräftigendes Gefühl, ganz in der Nähe von Glück.
Also was denn?
Margot spricht von Demut. Da ist das Wort Mut drin.
Aber viele moderne Menschen, Linke allemal, die oft noch von der Planbarkeit und Machbarkeit von Natur- und Gesellschaft träumen, denken bei Demut an Demütigung.
Nicht zu verleugnen, dass in der Geschichte der Christenheit, dies oft das Ergebnis des vermeintlichen Respektes vor Höherem , vor der Natur, vor den Naturgewalten war.
Ich aber spüre nichts demütigendes in diesem unvergesslichen Über-Blick.
Und lese nun bei Goethes Meister Eckhardt, was meinen Empfindungen recht nahe kommt:
Das sicherste Fundament, auf dem diese Vollkommenheit sich zu erheben vermag, das ist die Demut; denn wessen Natur hier in der tiefsten Niedrigkeit kriecht, dessen Geist fliegt auf zur höchsten Höhe der Gottheit.“
Das trifft es für mich sehr genau.
Im „normalen Leben“ bewegen wir uns fast ausschließlich zwischen von Menschen Hand gemachten Sachen. Vom Bildschirm über das Fahrzeug in von Menschen gemachten Kleidern in die „grosse“ Stadt, in der sich bis auf 35 Stockwerke, Steinburgen erheben.
Aber das ist ein Klacks gegen die Schweizer Alpen.
Auf der geologischen Plattform des CIMETTA, werden die tektonischen Verschiebungen der Ost- und der Westalpen beschrieben.
Berge wurde über viele Kilometer GEBROCHEN. Umbrüche, Aufbrüche mit einer Kraft, die wir uns ebenso wenig real vorstellen können, wie die Unsummen der aktuellen Währungsspekulationen und -Stützungen. Mit dem Unterschied, erstere sind zu sehen, zweitere ja nur virtuell als Bits und Bytes Verschiebung von Eigentum von unten nach oben per Computer.
Ich muss an eine Rede denken, die der SED-Spitzenmann Albert Norden auf dem Mannheimer Parteitag der DKP 1978 hielt (und zu dessen Sicherheit der junge Mathis damals von den Stasi-Leuten der DDR-Botschaft einen Kordhut mit eingenähter Eisenkrempe erhielt).
In seinem kommunistischen Pathos wollte er seine westdeutschen Genossen aufmuntern, als er sagte:
„Ihr seid Teil der Berge versetzenden Kraft….“
Eben nicht!
Das war keine Demut, das war Blasphemie und Übermut, bestenfalls Selbsttäuschung, aber eben nicht die Wirklichkeit.
Den Monte Rosa mit seinen 4600 Metern kann kein Mensch, keine Bewegung versetzten.
Ich höre den Einwand der Defätisten: Und die Hiroshima-Bombe? Ja, denke ich, ja, wo der Mensch sich anmasste, Berge oder ganze Städte auszuradieren, das führte ihn dies an den Rand der Selbstzerstörung.
Und da fällt mir dann doch noch der religiösen Sozialist Erich Fromm ein, für den Demut die der Vernunft und Objektivität entsprechende emotionale Haltung als Voraussetzung der Überwindung des eigenen Narzissmus darstellte.
All das denke ich nicht in dem Moment, wo ich da oben über den Dächern der Schweiz stehe und staune.
Aber ich fühle es.
Und es ist ein gutes, ein kräftigendes Gefühl.
Ich fühle mich nicht allein.
Sondern mit der Natur verbunden. Und unterstützt.
Der Berg ruft: Und ich höre: „Ja, eine natürlich Umwelt, eine unversehrte Gemeinschaft, das achtsame Nebeneinander von Mensch und Natur ist möglich. Mach(t) weiter!“ sagt der Berg.
Es ist gut so.
(Foto: gesehen auf dem Gipfel des Cimmet – 1671m.ü.M.: eine Riesen-Heuschrecke setzt sich zum Foto-Shooting auf mein Handgelenk und bleibt da seelenruhig 5 Minuten sitzen, bis sie zurück ins Gras hüpft, um sich um ihre Kinder zu kümmern)
 
 
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