Der „Geist von Locarno“, der Luxus und der Zauber, ein ‚Kind der Liebe‘ zu sein

Mailand verhält im Süden sich zu den Alpen wie München auf der Nordseite.
Schwups, bist'e drinnen in den Bergen. Nach nur 40 km haben wir Como erreicht und die Schwester auf der Seite der Eidgenossen: Chiasso. Das alles hier scheint der vornehmste und reichste Teil von Italien zu sein. Como wohl das Starnberg für Mailand.
Im Gegensatz zu den meisten Millionenstädten der Welt ist es ja in München so, je weiter stadtauswärts du kommst in Richtung Starnberger See, desto teurer die Grundstückspreise. Und die höchste Pro-Kopf-Zulassung von Porsches in Deutschland? richtig: Starnberg.
Kurz vor der Grenze gehen wir noch mal einkaufen. 'Il Gigante' heisst die Halle, und so präsentiert sie sich auch vom Inneren. Schön zu bewundern, die riesige 8 Meter lange Kühltheke, die nur diverse Pasti, also Nudelgerichte anpreist, eine größtmögliche Auswahl an Milchprodukten, Fisch, Fleisch, Non-Food… Und alles ziemlich teuer. Wir beiden von der Reise gezeichneten Camper fallen da schon sehr aus dem Rahmen. Die wenigen Leute, die jetzt um die Mittagszeit hier einkaufen, sind tiefbraun besonnte Ladys aller Altersstufen, mit riesigen Sonnenbrillen, die ohne auf den Preis zu schauen, sich teure Sushi oder Fischgerichte einpacken lassen ( hat heute die Köchin frei?) nicht zu vergessen, die verführerische und überdimensionale Theke der Pasticceria ( Konditorei), wo die entzückendsten Kreationen in der Grösse eines kleinen Frückstückstellers für 15€ – 30 € auf die Creditkartenbesitzerin wartet.
Genug gelästert. Die Frau vor uns, die drei US-T-shirts für ihre Kinder in der Vorpubertät kauft, scheint geerdert – ich phantasiere: „die kocht noch selbst“. Und natürlich gibt es hier außer den Verkäuferinnen auch noch andere nette Menschen und normale. wie eben auch in Starnberg.
Als ich vor 9 Jahren mit meinem damals 11-jährigen Sohn Leon durch die Schweiz nach Italien reiste zu unserem gemeinsamen Camping-Urlaub auf Elba, erinnere ich sehr gut, wie er die Grenz- und Passkontrolle als sensationell empfand. Weder auf den Fahrten durch Deutschland (!) noch nach Dänemark, hatte er so etwas je kennengelernt.
Heute werden wir von den gelangweilten Grenzern nur durchgewunken….
Und erleben verblüfft: die Fortsetzung Italiens nur mit anderen Autokennzeichen…
Obwohl insgesamt nur 6(!!)% der Schweizer Bevölkerung italienisch spricht, hier tun es scheinbar alle. Das bleibt in Lugano so, das wir als erstes erreichen und auch in Locarno, welches unser nächstes Etappenziel ist.
Mondän, mondän! Ich bin ja manches gewohnt von Blankenese und Jungfernstieg in Hamburg, von Sylt oder Berlins Friedrichstrasse wie auch dem früheren Ku'damm oder der Münchner Theatinerstrasse. Aber hier ist das alles im Quadrat. Der eher hässliche Appartement- Block, direkt am Ufer des Comer Sees, wo ich mir das erste Mal die Füsse vertrete zum Beispiel, entpuppt sich als Millionärs- Domizil, wo die Herren aus den Metropolen am Wochenende mit dem Fahrstuhl in den Kellern und von dort direkt in ihre Upper-class-220-PS-Motor-cruiser steigen. (Foto!) Das – denke ich – ermöglicht ja den Reichen und Alten diesen Luxus auch noch in der Rollstuhlphase…
Locarno ist sehr schön und sehr teuer. Die Diplomaten die 1925 die Verträge von Locarno aushandelten, welche nach dem 1. Weltkrieg die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund vollendete und „im Geist von Locarno“ erstmals die Vision friedlich vereinter Statten Europas formulierten, diese Herren konnten den Freizeit-Mehrwert wohl kaum bemessen.
Schön übrigens, dass dies Städtchen, dass sich (auch) um CO2- Neutralität bemüht, 80 Jahre nach der ersten Friedenskonferenz von Locarno im Jahre 2005 sich zur „Stadt für Frieden und Toleranz“ erklärte, um so die Verantwortung auch von Kommunen zur Verteidigung des Friedens durch Toleranz zu übernehmen.
Und auch die Zeit meines Lebens gehegte Vermutung: „Welch eine Privilegierung, dass mein Vater Ende der 1940er Jahre 9 Monate vor meiner Geburt, auf Einladung der schweizerischen Evangelischen Kirche einen Erholungsurlaub mit seiner Frau hier am Lago Maggiore antreten konnte!“, bestätigt sich für mich heute.
Erst langsam, nachdem wir die Altstadt durchforsten, die Nischen und Plätze kennen lernen, werden wir selber vom Charme dieses Ortes erfasst.
Der grosse Platz ( Piazza Grande), mehrere hunderte Meter lang und bis zu 80 Meter breit und ganz mit Kieselsteinen gepflastert, schaut heute noch fast genauso aus, wie er wohl vier Jahre nach Ende des Krieges ausschaute.
Und auf einmal überkommt mich ein sehr wohliges Gefühl: wenn ich meine Widerstände gegen unfassbaren Luxus überwinde, dann fühle ich förmlich den Liebeszauber, der sich auf den 44- jährigen Johannes und die 32- jährige Erika legen konnte, hier im warmen August, nach den Jahren des Mannes im Krieg in Frankreich und Russland, samt sowjetischer Gefangenschaft, die nur wegen des lebensbedrohlichen Typhus beendet wurde, nach Vertreibung der Mutter aus Ostpreussen, nach Geburt des Stammhalters in den letzten Kriegstagen im Bunker unter dem Reichstag, der Flucht nach Hamburg, in den völlig überfüllten Zügen der nach Westen flutenden Soldaten und Zivilisten, nach Geburt des zweiten und dritten Kindes, und nach dem frühen Tod, dieses Joachim Genannten.
Oftmals habe ich es als Kind völlig falsch interpretiert: “ Du bist nur auf der Welt, weil Joachim starb!“ immer dachte ich deshalb, ich sei an seinem TOD, irgendwie schuldig oder beteiligt..
Hier nun kann ich mich der Situation nicht entziehen. Ich war wirklich ein Wunschkind, ein Kind der Liebe in herrlicher Alpenlandschaft und in für die Nachkriegszeit auch für ein Bremer Pfarrers-Ehepaar unvorstellbarer Geborgenheit, Unversehrtheit und Luxus gezeugt.
Gut, dass ich hier war!
Ziemlich genau an dieser Stelle ließen sich meine Eltern im August 1949 fotografieren. 63Jahre später nun: Ohn und Schwiegertochter
(Foto: Vor 63 Jahren liessen sich Johannes und Erika Oberhof im Augst 1949 auf dem Gipfel des Cadada fotografieren. Im Jahre 2012 nun am Seeufer: Sohn und Schwiegertochter )
 
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