Die Anarchosyndikalisten von Carrara, die Reichen von Viareggio, und die Angler vom Lago Verde

Vor zwei Tagen haben wir den stillen Platz südlich von Elba verlassen. Nun sind wir schon in Norditaliens Metropole. Nicht zu glauben: 8 km vom Stadtzentrum der zweitgrößten italienischen Stadt entfernt, sitze ich auf der saftigen grünen Wiese am Rande des Fischweihers Lago Verde, Margot schmort die Zwiebeln an für die Spagetti mit Tomatensauce, es ist (fast) ruhig, nur ganz entfernt klingt ein Rauschen von der Autobahn. Arrivata in Milano.

(Foto:open-air-office am Lago verde/ Milano)

Was war das heute für ein Tag!

Übernachtet haben wir in einem Neubauviertel von Viareggio. Die nächtlichen Besucher am Wohnmobil wollten uns mitnichten verscheuchen, sondern interessierten sich für den Roller, den es so in Italien nicht gibt. Eine der zwei Frauen spricht perfekt Deutsch gehört wohl zu den vielen Einwanderern, die den umgekehrten Weg gegangen sind, wie Luigiano und Guiseppe, die Anfang der 60er die ersten ausländischer Arbeiter in der Bundesrepublik waren (und deren Schicksal so wunderbar gedacht wird in dem nicht nur Spass-Film: Maria – ihm schmeckt’s nicht-Trailer hier)

Die Strandpromenade, die uns Wikipedia am Abend noch als Sehenswürdigkeit anpreist, entpuppt sich als Schicki-Micki-Promenade, der Strand als High-society-Sardinen-Büchse, an dem in Reih und Glied auf Liegestühle verbannt, die in den Mailändern Solarstudios verbrannte Haut weiter gebruzzelt werden muss. Viareggio ein Vorort von Nizza?

Nichts wie weg hier.

Nächste Station sollen die Steinbrüche von Carrara (=keltisch für : Steinbrüche) sein.

Ich weiss wirklich nicht mehr, in welchem Roman mir die Marmor-Steinbrüche nahe gebracht wurden. Heute schlängeln wir uns bis auch 600 Meter hinauf, bis wir einen schwindelerregenden Blick auf die weißen Berge haben.

Schon vor 2200 Jahren wurde der erste Marmor hier gebrochen, aber erst um 1000 nach Christus mit dem gross angelegten Abbau begonnen. Unglaublich wie steil sich Strassen bis auch 800-900 Meter hinaufschlängeln und die riesigen Quader herunter transportiert werden, die unten am Fusse der Berge Marmor-Lager an Marmor-Lager über mehrere Kilometer gestapelt auf den Transport in die ganze Welt warten.

Was ich nicht wusste, aber in dieser archaischen Bergwelt irgendwie nicht verwunderlich ist, dass unter den bis zu 10.000 Arbeitern der Brüche ein Zentrum des Weltanarchismus entstanden war, und die anarchosyndikalistischen Gewerkschaften heute noch den größten Einfluss haben. Es waren die Arbeiter selber, die eine Vielzahl von Erfindungen zur technologischen Verbesserung des Abbaus und der Zerkleinerung des Marmors machten, wie die Steinsäge mit mehreren Blättern, die Gattersäge und die Seilsäge.

 

Folgerichtig entwickelte sich deshalb um Cararra auch die Resistenca gegen die deutsche Wehrmacht besonders heftig, wofür sich die Nazis u.a. Mit dem SS-Massaker an der Dorfbevölkerung von San’t Anna di Stazzema rächten.

Von hier aus wollen wir nach Mailand um dort vielleicht noch eine Markthalle zu besuchen, wie sie uns in Florenz so in ihren Bann gezogen hatte.

Nach dem Essen aber werden wir von diesem lauschigen Plätzchen vertrieben (area privata!) – der Anglerverein des Lago Verde duldet kein Wohnmobil auf seinem Vereinsparkplatz und so suchen wir einen neuen Platz. Nach langem Irren machen wir vor dem riesigen Friedhof(!!!) San’t Arialdo Halt.

Und nach intensivem googeln, entschliessen wir uns, die riesige Großstadt wegen mangelnder Anziehungskraft doch einfach hinter und zu lassen, und morgen zum Lago Maggiore fahren, dort wo Johannes und Erika Oberhof im August 1949 so unvergessliche Ferien machen konnten. 9 Monate später kam ihr dritter Sohn Mathis auf die Welt….

(diese Strecke haben wir in zwei Etappen zurückgelegt:

Castiglione della Pescaia – Viareggio

Viareggio – Mailand)

 

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