Besuch beim Grosseto-Markt mit Antonio Gramsci links ins Zentrum und schon Mittags: ‚Buona serra!‘

Es war der längste Roller-Ausflug bisher. 30 km sind es von hier bis Grosseto, wo wir heute den auf vielen Web-Seiten gerühmten Wochenmarkt besuchen wollten.

Es wird eine schöne Fahrt im frischen Mitt-September-Wind. Über 10km an der Pineta entlang, wie hier die grossen Strassen parallel zum Strand genannt werden. Meist gutes Pflaster, das dankt uns der Roller. Mal wolkig mal sonnig gehen die 40 Minuten um wie im Flug.

Grosseto das klang von meinen Italien-Urlauben in den 70ern immer so nach Industrie- und Betonstadt. Und richtig, zunächst entlang des langen Stacheldraht-gesicherten Militär-Flughafens der italienischen Eurofighter und an langweiligen Industrie-und Neubauten kommen wir aber dann ruck-zuck ins historische Zentrum.

Rund um die halbe Stadtmauer hat sich der riesige Wochenmarkt geklebt. Eine solche Vielfalt habe ich wirklich noch nie erlebt. Es ist ein Markt vor allem für die Einheimischen.

Das merkt man nicht nur an Küchenutensilien, Hilfsgeräten zur Nudelherstellung und Werkzeugständen (bei einem davon kaufen wir eine ultrascharfe kleine zusammenklappbare Astsäge, mit der Margot die 3 und vier Meter langen Bambusstangen umlegen will, die unseren Barnimer Garten verschönern sollen).

Man merkt es vor allem an den üppigen Ständen mit Stoffen, Teppichen, Spitzen und Rüschen, Nadeln und anderen Näherei-Bedarf.

Ein herrliches Gezwitscher italienischer Konversationen umklingt uns. Einschließlich der Damen von 8 bis 80 die laut kreischend ins Handy rufen:

„Pronto, Mamma, come va‘?“ („Hallo, wichtigste Person der Gesellschaft, wie gehts Dir?“)

Nur zwischendurch werden wir an heimatliche Regionen erinnert, wenn in spppitzem hamburgerisch eine Mutter zettert: „Nicole! Bleib sitzen!“, während am anderen Ende der Marktgasse ein Stuttgarter Vater lautdrohend nuschelt: „Saschkia, schteh uff!“.

Verblüfft bleib ich auf einmal vor einem Verkehrsschild stehen, dass mit seinen drei Aussagen, visionäre Doppelbedeutung ausdrückt. DIe Strasse – sagt das oberste Schild, wurde nach dem wohl bedeutentsten Sozialisten Italienes benannt, Antonio Gramsci, der schon in den 1920ern und obwohl fast 10 Jahre bis kurz vor seinem frühen Tod in Mussolinis Gefängnissen gesperrt, seine Genossen immer wieder vor Sektierertum warnte, und über Wege nachdachte, wie die kleine Gruppe der Weltveränderer, den Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft bekommen könne. Und dies mit Ratschlägen, die noch heute, seinen Nachfolgern nicht oft genug ins Stammbuch geschrieben werden können. Dass der Richtungspfeil bei solch einem Revolutionär nach LINKS zeigt, ist zunächst nicht erstaunlich, dass mit Gramsci aber dieser LINKE Weg zugleich ins Zentrum führt, in die Mitte der Gesellschaft – das ist Klasse, das muss ich fotografieren und natürlich gleich in facebook posten.Worauf postwendend Reaktionen eintreffen, der VW-Betriebsrat Stefan aus Niedersachsen, ein Bekannter aus alten Zeiten, fragt an, ob er das Foto für die diesjährigen Gramsci-Tage verwenden dürfe, (Aber klar, doch!) und ein anderer, der sich vielleicht eher als Lordsiegelbewahrer linientreuen Linksseins versteht, fragt, ob ich denn jetzt die neue Mitte Gerhard Schröders Agenda 2010 ansteuern wolle.

Ach Gott, nein, will ich nicht, nur meine Spass haben. Und schlendere weiter…

Grosseto’s Altstadt ist nicht so vornehm wie Florenz, nicht so mittelalterlich stehengeblieben wie das museale Siena, dennoch mediterran gemächlich, insbesondere, ab 13h. Nun ist Feierabend. Ab jetzt grüsst mensch in der Toskana sich „Buona serra“(‚Guten Abend‘). Läden runter und Siesta gehalten.

Was den Wirt der völlig durchschnittlichen, unscheinbaren „Bar Mokareck“, in der wir zu einem Cappuccino und einem Cola Rast machen, nicht daran hindert, mit phlegmatischer Miene die fürstliche Zeche von 18,00 Euro (4,50 für jedes Getränk) zu verlangen. Der erste wirkliche Nepp in Italien.

Das erleichtert uns die Rückfahrt.

Kurz von Castiglione delle Pescaia ein paar Regentropfen, auch ein wenig zu kalter Wind für mein kurzärmliches Hemd – aber das geht schnell vorbei.

„Zu Hause“ am Campingplatz angekommen, bläst bald wieder warmer Wind, nur kräftiger als in den Vortagen und vom nahen Strand hören wir die kräftige Brandung. Aber das ist genau der richtige Background-Sound für das Mittagsschläfchen.

Beim Auspacken fällt mein Blick auf den Roller Tacho: schon 300 km sind wir nun mit unserem treuen schnellen Muli gefahren. Bei den Apotheken-Preisen für Kraftstoff in Zitronenland (Diesel: 1,80 € Super: 1,95€) macht das im Vergleich zum Wohnmobil (12l/100 km- Roller: 2l/100km) eine Einsparung von gut 50 €. Davon spendieren wir uns nächste Woche ein leckeres Fischessen.

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