Vom Müssiggang bei Marx, der Vier-in-eins-Perspektive am toskanischen Meeresstrand und dem schwedischen Lach-und Geschichts-Bestseller des 100-jährigen

O.k. – kein Widerspruch: uns geht es saugut. Ich meine jetzt mal im Engeren: Uns beiden. Margot und ich tun das, was seit den 68ern an-und-für-sich einen negativen Klang hat: Wir gammeln. (Ich lass jetzt mal die einschlägigen Zitate des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten FJS weg, was man mit den „Gammlern“ machen sollte.)

Aber die Zeiten haben sich geändert.

Wir haben bestes Wetter. 28 Grad tags, 15 Grad nachts. Und wenn wir um 22:00 unser regelmäßiges Nachtbad nehmen, spüren wir erfreut, dass das Mittelmeer hier mit 25 Grad deutlich wärmer aufgeheizt ist, als uns Planschbecken zu Hause in Brandenburg.

Obwohl viele Lebensmittelpreise hier erheblich teurer sind, als bei uns (kg Putenfleisch D: ca. 5€, I: ca: 12€ oder Butter D: 5 €/kg, I: 10€ – wie finanzieren die Italiener das bloß?), dennoch, die 2 1/2 Liter-Flasche Landwein für 4 € schmeckt, wir brauchen nicht viel, kochen selbst und ein in der Pfanne getoastetes Weissbrot mit Olivenöl und Salz (Bruchetta) , wie wir es gestern vom Camping-Platz-Bistro-Betreiber angeboten bekamen, kann man schnell selbst machen und es schmeckt herrlich.

Der Geruch der Pinien, das Rauschen des Meeres, die Stille und: ja vor allem wohl auch die Mitmenschen – ALLE ebenfalls in dieser sedierten Urlaubs-Haltung, in Badekleidung, lesend, dösend, schlafend – all das macht es aus: Wir erholen uns. BEIM GAMMELN.

Wir lesen mehr wie sonst. (mein heisser Tipp am Ende!) machen unseren Mittagsschlaf und reden über Dinge, die uns sonst in der Hektik des Alltags nicht in den Sinn kämen.

Besteht im Gammeln die Zukunft der Menschheit?

Eindeutig: Ja.

Ich überlege:

WIEVIEL muss der künftige Mensch leisten, um seine/n Beitrag zur gesellschaftlichen (Re-)Produktion zu geben?

In einem Vortrag eines Marx-Kenners hörte ich, dass Marx davon ausginge, dass einstens, bei voller Entfaltung von Wissenschaft und Technik, (vielleicht müssen wir heute umgangssprachlich formulieren: „bei voll roboterisierten Industrie und Dienstleistung“) die Menschen nur noch zwei Stunden täglich ihren Beitrag an gesellschaftlich notwendiger Re/Produktionsarbeit leisten. Der Rest sei Muße.

Der Referent erläuterte dies aber insofern, dass Marx unter Muße nicht zappen zwischen RTL und SAT1 verstand, sondern vor allem auch allseitige Fortbildung.

Eine kluge Anhängerin des bärtigen Trierers, Frigga Haugg, bastelte daraus 150 Jahre später die „vier-in-eins-Perspektive„, die so heisst, weil sich nach ihrer durchaus nicht ganz so optimistischen Perspektive, wie ihr Tippgeber, der künftige Alltag von Männern und Frauen so gestalten könnte, dass mensch je vier Stunden am Tag verbringt mit

  • gesellschaftlichem Beitrag zu Produktion und Dienstleistung
  • Arbeit in Familie
  • Teilnahme am politischen Leben einschliesslich Fortbildung
  • eigene kulturelle, ästhetische Erbauung, das wozu man einfach sonst noch alleine oder mit anderen Lust hat.

Das mag schwanken, sich bei Müttern mit Säuglingen anders gestalten wie bei Frauen mit 75, und die Fortbildung kann in den 20ern ein wenig ausgiebiger sein, als mit 60 (aber nur ein bißchen!), entscheidend bleibt die gleichmäßige Verteilung.

(Lohn-?)Arbeit besteht nicht mehr in „Warten auf den Urlaub“.

Arbeitsprozess bedeutet nicht, hoffen auf das „Leben nach der Rente“.

Unnötig die Feststellung, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen in einer Höhe, die aktive Teilnahme am politischen und kulturellen Leben ermöglicht, dazu gehört.

Und was- bitte – hat das alles mit Eurem Urlaub in der Bucht von Castiglione della Pescaia zu tun?

Ich stelle mir so: GLÜCK vor, ERFÜLLUNG oder um es religiös mit den neuen Worten der „Bibel in gerechter Sprache“ zu formulieren: das, was früher von Christen fälschlicherweise „Himmelreich“ genannt wurde, das wird sein: die „gerechte Ordnung„.

Ich erlebe die neue digitale Welt hier doch täglich. Mein Blog, der in Berlin, Wiesbaden, New Jersey oder bei Faro/Portugal von Freunden gelesen wird, verlangt weder Setzkasten, noch Druckerei, keinen Postversandumschlag, und vor allem: KEIN BÜRO. Das alles mache ich gut und gern unter Sonnenschirm am Stand oder unter der Markise des Wohnmobils.

Früher bestand mein Job zur Hälfte in telefonischem oder Support via emails bei IT-Problemen von Mitarbeitern einer Versicherung, im Ausarbeiten von Schritt-für-Schritt-Anleitungen neuer Programme oder Programm-Teile, im Erstellen von Präsentationen und Newslettern. Und – ja – auch 2-4 Sitzungen im Monat und 3-4 Vorträgen. Fast alles kann ich von einem Campingplatz an der Riviera aus leisten. Zumindest die Sitzungen könnte ich gut und gerne mit Skype, (oder wie bei den Piraten : mumble) als Videokonferenzen durchführen.

Die Qualität von facetime-Videogesprächen auf dem ipad stellt wirklich vieles in den Schatten, was ich bisher von video/Telefonkonferenzen kannte.

Ich stelle mir sehr konkret vor, dass ich diese Tätigkeit sehr wohl von einem Strand an der Toskana aus erledigen könnte, wenn vielleicht 4 Tage im Monat gut getimt in Live-Anwesenheiten in Deutschland bestünden.

Das wird für jeden Beruf anders sein, und die Berufschullehrerin hätte wohl noch mehr Probleme mit ihren oft schlecht motivierten Zöglingen, wenn sie diesen nur via Beamer kurz nach dem letzten Windsurfen die neuesten Aufgaben in kaufmännisch Rechnen vor der webcam erklären würde

Dennoch: viel mehr wäre heute schon möglich: Von den Forschungszentren sowohl der US-amerikanischen wie der sowjetischen Erbauer der Atombombe weiß man genauso wie von den Software-Labors von Microsoft oder Apple, dass die Sorge um dass kulturelle und freizeitmäßige „Feeling“ der Ingenieure ein entscheidender Aspekt der Erreichung hochgesteckter Ziele waren und sind.

Wie absurd deshalb auch, wenn (linke) Politiker_Innen, die sich für Arbeitszeitverkürzung, für eine 30-Stundenwoche einsetzen, aber für sich selbst als normal erachten – unabänderlich – eine 60-80-Stunden-Woche zu leisten.

Mir war in den Chefetagen der Versicherung aufgefallen, dass diejenigen, die damit prahlten von morgens 7 bis abends 20 Uhr im Büro zu sein, entweder logen, oder (natürlich) eine kaputte Familiensituation und ein Verhältnis mit der Sekretärin einschliesslich sexueller Dienstleistungen hatten oder/ und die ideenlosesten Führungskräfte waren.

Alle wissen es, dass Beratungen, die länger als eine Stunde dauern, die Behaltenswirksamkeit gegen Null tendieren lassen, jeder erlebt es am eigenen Leib, dass nach intensiver kreativer Arbeit mehr als 4 oder 6 Stunden, „nix gescheites“ mehr rauskommt – dennoch grassiert dieser workoholic-Virus wie eine unausrottbare Krankheit.

Nein, arbeitssüchtig werde ich hier am toskanischen Strand nicht.

Jetzt geh ich erstmal mit meiner Liebsten eine Runde schwimmen. Danach will ich noch ein paar Fotos hochladen, das alles beim WLAN-Bistro ins Netz schicken und dann?

Dann muss ich endlich in die Hängematte zum Mittagsschlag. (ich hab jetzt schon fast 60 Minuten am Stück) in dieTastatur gehackt…)

Buonna Notte.

PS: ein Mini-Überstündchen muss noch sein, denn anfangs versprach ich einen Büchertipp. Eben sah ich, dass auch der Zeltnachbar darin liest, unterbrochen immer wieder von lauten Lachern. Ich hörte Margot schon lang nicht mehr so laut und anhaltend kichern, wie bei der Lektüre dieses Buches.

So ähnlich wie ZIEMLICH BESTE FREUNDE, dem Erfolgsfilm aus Frankreich ist DER HUNDERTJÄHRIGE, DER AUS DEM FENSTER STIEG UND VERSCHWAND, ein unerklärlicher Verkaufsschlager. Über 1 Million Exemplare wurde seit November letzten Jahres allein in Deutschland verkauft. Seit Anfang des Jahres steht das Buch auf Nummer 1 der Hardcover-Bestsellerliste des SPIEGEL.

Aber das Besondere daran ist nicht einfach, dass es ein „feel-well-reader“ wäre, leichte Urlaubslektüre und viel zu lachen, das auch. Das Besondere besteht darin, wie der Protagonist Allan, der sich überhaupt nicht für Politik interessiert, aber dennoch mit vielen wichtigen Gestalten und Geschehnissen des 20. Jahrhundert in Berührung kommt, so der Oktoberrevolution, dem Spanischen Bürgerkrieg, Harry Truman, der Frau von Tschiankeitschek, Berija und Stalin sowie dem (unbekannten) Halbbruder von Albert Einstein, wie er also POLITIK erzählt. Ausschließlich aus linker Sicht, aus der Sicht der Unterdrückten, der Ausgebeuteten, der kleinen Leute. Wenn man so will, eine Geschichte der Emanzipationsbewegungen aus den Augen des braven Schweden Allan.

Witzig, schelmisch, links und sehr klug.

Ich konstatiere: Die größten Erfolgsschlager in Film und Buch dieses Jahres handeln nicht von Moneymake, Karriere und Egomanie, sondern von Solidarität und Empathie für die Verlierer.

 

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Ein Kommentar zu “Vom Müssiggang bei Marx, der Vier-in-eins-Perspektive am toskanischen Meeresstrand und dem schwedischen Lach-und Geschichts-Bestseller des 100-jährigen

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