Das wohltemperierte Quartier, stille Tage in Roccelette oder ‚Spinoza am Strand‘.

Nun also Stille.

Das Wohnmobil steht „im Wasser“, d.h. in der Waage. Wir haben fliesend Strom an Bord. Das Wasser ist nur 12 m entfernt, Es ist schattig, und ruhig. Neben uns nur eine diskrete Familie aus Rosenheim.

Welche Kraft sich doch freisetzt, wenn wir aufhören unser Hirn permanent zu überfüttern.

Noch in der ersten Nacht wache ich um 3:15 Uhr auf und kann nicht wieder einschlafen. Aber anstatt mich über ’senile Bettflucht‘ zu grämen, nehme ich mir die Urlaubsfreiheit, stehe auf, setze mich vors Auto und fange an zu schreiben. Erst dabei fällt mir ein unvollendeter Artikel entgegen, der mir nach der frustrierenden Pseudo-Kundgebung gegen den Fiskal-Paket Ende Juni 2012 aus der Tastatur floss.

Zwei Stunden brauchte ich, um ihn zu überdenken, überarbeiten, zu korrigieren und nun ist er in der Welt (Eine vergleichende Betrachtung der Bündnispolitik der Opposition 1968 und heute).

Dafür konnte ich ja am nächsten Tag ein längeres Nickerchen machen. Und mich vor allem an den Temperaturen freuen.

Obwohl ich in den 1970er Jahren wohl mehr als 20 Mal Italien, vor allem die Insel Elba besuchte, war ich nie(!!) in meinem Leben im September hier. Immer in den Schulferien. Auch damals als ich noch gar keine Kinder hatte. Ich weiss selber nicht mehr, was uns disziplinierte DKP-Kader ritt, auch als kinderlose nur in den heissesten Wochen ins Land der Zitronen zu fahren.

Dabei ist der September viel schöner. Nachts legt sich angenehme Kühle von 15-17 Grad übers Land und tags steigt das Thermometer kaum über 30 Grad. So ist es herrlich – ein wahrhaft wohltemperiertes Quartier!

Und diese völlig ungewohnte Stille auf dem Campingplatz. Als meine Kinder klein waren, war ich über lange Zeit immer nur auf dem Campingplatz in Göhren auf Rügen. Hunde, Kindergeschrei, und irgendein bassbrummender Booster übertönten immer Baum- und Wellenrauschen.

Hier herrscht jetzt, wo in Italien und außer Bayern allen deutschen Bundesländern die Schule wieder begann eine herrliche Stille.

Die Unterbrechung, wenn der alternative Italiener drei Zelte weiter wieder mal in Vangelis-Rausch gerät und die Sphären-Musik zu uns rüberschickt, sind dann ja fast eine willkommene Abwechslung.

Nun lese ich.

Solange, bis ich müde werde, und nach dem Cappucino zum Aufwachen: weiter.

Zwei Bücher, die drei Menschen beschriebene, die gegensätzlicher nicht sein könnten:

Im Buch „Das Spinoza-Problem“ stellt der US-Amerikanische Psychoanalytiker Irvin D. Yalom die Biografie des Baruch Spinoza in Kontrast zum Chefideologen der Nationalsozialisten, Alfred Rosenberg. (und weil in diesem Urlaub de Namensverwechslungen an der Tagesordnung sind, hier gleich noch eine: Alfred landete ganz woanders, wie seine (Nach-)Namensvetter Arthur Rosenberg, Historiker und Kommunist jüdischer Herkunft, KPD-Reichstagsabgeordneter, der sich angesichts des Stalinismus von der KPD abwendete, nach der Machtergreifung der Nazis in die USA auswanderte und dort zum linken Zionisten wurde).

Nein im Spinoza-Problem, wird Alfred beschrieben, Einzelgänger, Sonderling, Judenhasser, der die jüdischen Einflüsse seiner Vorfahren wütend verdrängt, zu den ersten Mitglieder der NSDAP gehört, während Hitler’s Haft sogar zeitweilig ihr Vorsitzender war und als Chefredakteur wie Herausgeber des ‚Völkischen Beobachters‘ massgeblich die sowohl theoretischen Grundlagen, wie auch journalistischen Konsequenzen des die physische Vernichtung des jüdischen Volkes propagierenden Antisemitismus legte.

Das besondere an ihm ist seine Faszination für den ersten großen Bibelkritiker, Spinoza trotz dessen jüdischen Herkunft. Der Autor Irving Yalom variiert hier auf unterhaltsame Weise die Schattenbruder-Theorie von Freud, Steiner und anderen, die besagt, dass ich an anderen am erbittertsten bekämpfe, was ich an mir selbst hasse und/oder nicht wahrhaben will.

Interessanter aber noch ist für mich die erstmals nähere Beschäftigung mit Spinoza, diesem Begründer moderner Bibel-Kritik, und wichtigen Wegbereiter demokratischer Staatsauffassungen.

Tief erschüttert lese ich von seinem ‚Cherem‘, der Verbannung aus der jüdischen Gemeinde, wegen Dissidententums.

„Ab sofort darf kein Mitglied der jüdischen Gemeinde mehr mit ihm sprechen, ihn unterstützen, Schriften von ihm lesen oder hören oder ihm begegnen näher als vier Ellen.“

Und ein Stich schmerzt mir im Herz, weil ich SOFORT erinnere: Genauso solch ein Cherem verhängte die DKP im Oktober 1984 über Mathis Oberhof. Alle, fast alle haben sich daran gehalten, jene die verstohlen Kontakt zu mir aufnahmen, sind weniger als die Finger einer Hand. Und auch Wolfgang Gehrcke, damals die Hoffnung der DKP-Reformer gestand mit 20 Jahre später: „Ja, du warst für uns ein Bauernopfer!“

Ach wie sich doch alle ideologischen Institute gleichen. Die dogmatische Herrschaft der Rabbiner, die diese verfolgende Inquisition der katholischen Kirche, die Hexenverbrennung, die auch Martin Luther für gerechtfertigt hielt, wie die stalinistischen Dreier-Gremien von Parteisekretär, Staatsanwalt und örtlichem NKWD-Vertreter, die die Übererfüllung des Plansolls an Erschießung trotzkistisch-faschistischer Spione und Agenten verfügten, wie die Schiedskommissionen der DKP und anderer kommunistischer Glaubenskongregationen.

Und wieder fällt mir bei Baruch Spinozas Exkommunikation der Satz ein, den ich dachte, als ich das letzte Verhör der DKP verliess abgestempelt als Parteifeind und Agent:

„Wie gut dass ich nicht in der DDR lebe, dann wäre ich jetzt im Gefängnis gelandet.“

Die so völlig andere Ebene des Lebens eines größenwahnsinnigen Genies, der grausam und spirituell war, genial und egoman, und der der Industriegeschichte seinen unverkennbaren Stempel aufdrückte, von ihm berichte ich das nächste Mal: ich meine Steve Jobs, den Vater von Macintosh, ipod, iPhone und iPad.

Ei, servus bis dann!

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Ein Kommentar zu “Das wohltemperierte Quartier, stille Tage in Roccelette oder ‚Spinoza am Strand‘.

  1. Hallo Ihr Zwei, lieber Mathis,
    Eure Reiseerlebnisse lesen sich so, als wären wir mit dabei. Freue mich schon auf Deine weiteren Blocks.
    Wir wünschen Euch noch erholsame, tolle und erlebnissreiche Tage in Italien.
    Bis bald und LG von
    Heidi und Peter

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