Siena, Medici, tolle Saracinis und Kirchen voll Freude und Lust…

Siena, die Stadt, die einem Ockerton den Namen gegeben hat, ist viel kleiner als Florenz, hat nur 54.000 Einwohner. Da sie aber auf drei Hügeln gebaut ist, braucht unser Roller eine knappe halbe Stunde um uns bergauf und bergrunter ins historische Zentrum zu tragen.

Früh morgens um 10:00 ist die Müllabfuhr unterwegs. Die Händler haben auf dem großen Piazza del Campo noch nicht ihre Stände aufgebaut, und so betrachten wir das Treiben der einheimischen bei einem fürstlichen Frühstück in eines der Bars. Alle Gassen sind hier so eng, dass fast nur Roller unterwegs sind – auch hier hat die chinesische Roller-Produktion längst die Vorherrschaft der legendären Marke VESPA gebrochen. (Was mich nicht daran hindert, am nachmittag, eine dieser nostalgischen Roller-Umhängetaschen mit dem kultigen VESPA-Logo zu erwerben.) Man glaub es kaum, aber selbst für einen Roller gibt es hier Parkplatz-Schwierigkeiten und es ist schon atemberaubend, an welch steilen Gässchen sich noch schwere Roller parken lassen.

Nur ab und an wagt sich ein PKW in die Gassen. Vermutlich strengstens verboten. Es sind ausschliesslich dicke Schlitten, Lancias, Alfa-Romeos der gehobene Preisklasse oder eben die deutsche Marke mit dem Stern, die sich da arrogant und mit blödem Gehupe durch die Fussgänger quälen. In solch einer Situation versteh ich, warum im Italienischen die Superreichen „Decadenti“ genannt werden.

Die Altstadt von Siena aber haut uns um. Aus dem Reiseführer erfahren wir, dass der Glanz des selbstständigen Stadtstaates Siena mit dem Machtantritt der Medici in Florenz schon im Jahr 1348 aufhörte. Alle Prunkbauten sind also über 750 Jahre alt. Um den großen Hauptplatz herum türmen sich bis zu 7-geschossige Häuser und der 102 Meter hohe Glockenturm des Rathauses kündet von der schon damals den Fürsten entrissene Macht, und vordemokratische Verhältnissen mit einem „Consiglio dei Nove (Rat der Neun). Sicher keine freien und geheimen Wahlen für alle Bürger beiderlei Geschlechts, aber, eben nicht mehr Absolutismus und Gottesgnadentum.

So scheint die Zeit stehen geblieben, aber die Stadt dennoch vor dem Verfall gerettet.

Und erst seit der Vereinigung Italiens im Jahr 1861 ging es auch mit Siena wieder steil bergauf.

Unfassbar der Reichtum, die Baukünste und die Kreativität der Menschen vor einen Dreiviertel Jahrtausend.

Drastisch aber auch der Eindruck, wie schnell eine scheinbar ewig geltende Herrschaft beendet sein kann, wenn eine andere Zeit andere Herrschaftsverhältnisse fordert, und das Gemeinwesen nicht durch die breite Masse bewusst verteidigt wird oder werden kann.

Und noch etwas anderes fällt mir auch, als wir wenige Kirchen und Basiliken besuchen: Wie viel gesellschaftlicher Reichtum wurde in früheren Jahrhunderten dafür verwendet, Lobpreisung und Verherrlichung eines Gottes und eines Gottesbildes zu bewerkstelligen, das einerseits die kalter Macht der Institution verschleiern sollte, und andererseits aber einem Gott galt, der strafte, der mit der Hölle drohte, und nur sehr nebulös den Vorteil jenseitiger Himmelsfreuden zu bieten hatte.

Ich stell mir vor, dass all diese Maler, Bildhauer, Baumeister eines Tages lobpreisen und huldigen:

  • der SOLIDARITÄT,
  • der GEMEINSCHAFT,
  • der UNTERSCHIEDLICHKEIT DER INDIVIDUEN, und
  • der LIEBE, sei sie gesellschaftlich, zwischen Freunden oder erotisch gemeint.

Das wären Kirchen und Basiliken, in denen getanzt und diskutiert würde, umarmt und die voller Lachen wären und Tönen der Lust. Zugelassen wären Trauer und Empathie. Und wer dann diese Kirchen (Kirche kommt als Wortbedeutung von ecclesia und meint eigentlich ‚die allumfassende Gemeinschaft aller‘, modern ausgedrückt: „99%“) verliesse, hätte neue Kraft getankt, die Welt zu verbessern, sei es in den eigenen Wänden, der Kommune oder global.

Zwei Seitenstrassen weiter sind wir auf einmal in einem aufs beste renovierten Innenhof, in dem – woher auch immer – klassische Musik unverkennbar italienischer Meister erklingt.

Es ist die in einem prächtigen Palast untergebracht weltberühmte Musikschule der Chigi-Saracini: ein Trost für Deutsche, dass sich hinter diesem Namen nicht nur rassistische Hetze, sondern auch Kunst-Mäzenentum verbergen kann.

Siena – also vielmehr als eine Farbe im Tuschkasten. Ein Kleinod, ein Museum, eine Kostbarkeit. Ein Must-Be jeder Toskana-Tour.

Nun aber ab zum Meer.

Als wir beschliessen, über Grosetto einen Campingplatz direkt am Meer anzusteuern, wissen wir noch nicht, dass die Fahrt dorthin ein Spaziergang werden wird. Fast alles neugebaute Staatsautobahn: Auch hier wieder ein kleines Stück zurückerobertes COMMON, gerade hier im Land der privaten Autobahnen, eine Freude.

Die Homepage des Campingplatzes hat uns nicht belogen: Ein schöner, schattiger, preisgünstiger Platz, wo wir vom Wohnmobil nur 100 Schritte zum warmen Mittelmeerwasser haben, wird die nächsten 7 Tage unser Standort sein. Nix Autofahren, nix heisse Bremsen, nix Sightseeing. Lesen, schlafen, baden, lesen schlafen baden. Ach ja: Und Antipasti futtern und den leckeren Italienischen Wein geniessen.

Salute!

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